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ISBN/EAN: 978-3-608-93900-2
Einband: gebundenes Buch
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Originaltitel:
The confederacy of dunces
Übersetzer:
Alex Capus
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
464 S.
Format (T/L/B):
3.9 x 22 x 14.7 cm

Hersteller:
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger GmbH
produktsicherheit@klett-cotta.de
Rotebühlstraße 77
DE 70178 Stuttgart


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Beschreibung

Die braven Bürger von New Orleans scheinen nicht besonders viel von Ignatius und seinen Ausrastern zu halten. Der aber ignoriert sie einfach, wenn er seinen massigen Körper zu den Fleischtöpfen der Stadt bewegt. Er führt immerhin einen edlen Kreuzzug gegen das Laster, die Modernität und die Unwissenheit. Doch seine Mutter hält eine hässliche Überraschung für ihn bereit: Nach einem Blechschaden, den sie verursacht hat, wird er von ihr gezwungen, seine rituellen Zornesausbrüche vor dem Fernseher aufzugeben und sich einen Job zu suchen, statt mit Leserbriefen die Welt zu verbessern. Unerschrocken nutzt er die neue Stelle, um seine Mission fortzuführen - und hat dafür jetzt auch noch ein Piratenkostüm und einen Imbissstand zur Hand. Definitiv einer der originellsten Helden, den die amerikanische Literatur im letzten Jahrhundert hervorgebracht hat.

Über John Kennedy Toole

John Kennedy Toole, geboren 1937 in New Orleans, schrieb 'Die Verschwörung der Idioten' während seines Militärdienstes in Puerto Rico. Jahrelang suchte er vergeblich nach einem Verleger, 1969 nahm er sich das Leben. Elf Jahre später veröffentlichte ein kleiner Universitätsverlag das Manuskript auf Drängen der Mutter. 1981 erhielt der Autor postum den Pulitzer-Preis, und der Roman ist bis heute Kult. Alex Capus, geboren 1961 in der Normandie, lebt heute in Olten. 1994 veröffentlichte er seinen ersten Erzählungsband 'Diese verfluchte Schwerkraft', dem seitdem neun weitere Bücher mit Kurzgeschichten, Romanen und Reportagen folgten. Zuletzt erschien 2011 'Léon und Louise'.

Leseprobe

EINS Auf dem kugelrunden Kopf eine viel zu kleine grüne Jagdmütze mit Ohrenklappen, die wie Signalzeichen waagerecht in beide Richtungen abstanden. Darunter ein paar Haarbüschel und zwei große, borstige Ohren. Ein buschiger schwarzer Schnauzbart und volle, geschürzte Lippen, in den Mundwinkeln ein Anflug von Verachtung, gemischt mit Krümeln von Kartoffelchips. Im Schatten des grünen Mützenschirms suchten Ignatius J. Reillys verschiedenfarbige Augen - eines blau, das andere gelb - die wartende Menschenmenge unter der Uhr des D.H.-Holmes-Kaufhauses nach Anzeichen von schlechtem Geschmack ab. Manche Leute, so stellte Ignatius fest, trugen dermaßen neue und teure Kleider, dass es geradezu gegen Sitte und guten Geschmack verstieß. Der Besitz neuer und kostspieliger Dinge wies allein auf einen Mangel an Theologie und Geometrie hin, eventuell auch auf einen zweifelhaften Charakter. Ignatius selber war bequem und vernünftig gekleidet. Die Jagdmütze schützte ihn vor Erkältungen, die strapazierfähige Tweedhose mit ihren zahlreichen Falten und Taschen bot überdurchschnittliche Bewegungsfreiheit bei optimalem Schutz vor Wind und Wetter. Das karierte Flanellhemd machte eine Jacke überflüssig, während der Wollschal die Blöße zwischen Ohrenklappen und Hemdkragen bedeckte. Insgesamt war sein Aufzug vielleicht ein bisschen ungewöhnlich, genügte dafür aber sämtlichen theologischen und geometrischen Standards und signalisierte ein reiches Seelenleben. Tapsig wie ein Elefant verlagerte Ignatius sein Körpergewicht von einem Bein aufs andere, worauf mehrere Wellen Bauchfleisch sich in Bewegung setzten, um sich am untersten Knopf des Flanellhemds zu brechen und zum Bund der Tweedhose zurückzukehren. In der neuen Körperhaltung zur Ruhe gekommen, dachte er darüber nach, dass er schon ziemlich lange auf seine Mutter wartete. Allmählich wurde ihm unbehaglich zumute. Es schien, als wären seine Füße geschwollen und würden nächstens seine wildledernen Desert Boots sprengen, und um das zu überprüfen, richtete Ignatius seinen blaugelben Blick nach unten. Die Füße machten tatsächlich einen geschwollenen Eindruck. Er beschloss, die sich wölbenden Stiefel seiner Mutter als stummen Vorwurf für ihre Gedankenlosigkeit zu präsentieren. Als er wieder aufschaute, begann am anderen Ende der Canal Street die Sonne über dem Mississippi unterzugehen. Auf der Holmes-Uhr war es kurz vor fünf. Er legte sich ein paar sorgfältig formulierte Vorwürfe zurecht, um seiner Mutter ein schlechtes Gewissen zu bereiten oder sie wenigstens in Verlegenheit zu bringen. Ignatius musste ihr täglich aufs Neue den ihr zustehenden Platz zuweisen. Sie hatte ihn in dem alten Plymouth in die Stadt gefahren. Während sie wegen ihrer Arthritis den Arzt aufsuchte, hatte Ignatius bei Werleins ein paar Notenblätter für seine Trompete und eine Saite für die Laute gekauft. Dann war er in die Spielhalle an der Royal Street gegangen, um nachzuschauen, ob es neue Spiele gab. Zu seinem Bedauern war das mechanische Baseball-Spiel verschwunden. Vielleicht war es nur in der Revision. Als er das letzte Mal damit gespielt hatte, war der Schlagmann kaputt gewesen, und es hatte Ignatius einige Diskussionen mit dem Management gekostet, bis er sein Fünfcentstück zurückbekommen hatte; die Spielhallen-Leute hatten sich sogar zu dem haltlosen Vorwurf verstiegen, Ignatius selbst habe das Gerät beschädigt, indem er ihm einen Fußtritt gab. Ignatius sann über das weitere Schicksal des Baseball-Spiels nach und entfernte sich gedanklich von der banalen Wirklichkeit der Canal Street und der Leute um ihn her. So bemerkte er nicht die zwei traurigen, hungrigen Augen, die ihn hinter einer Säule des Kaufhauses hervor sehnsüchtig und hoffnungsvoll beobachteten. Gab es in New Orleans jemanden, der Spielmaschinen reparieren konnte? Wahrscheinlich schon. Vielleicht hatte man die Maschine aber auch nach Milwaukee oder Chicago schicken müssen oder an einen anderen Ort, dessen Name nach fachmännischen Reparaturwerkstätten und ewig rauchenden Fabrikschloten klang. Ignatius konnte nur hoffen, dass die kleinen Baseballspieler auf dem Transport pfleglich behandelt und nicht verletzt oder verstümmelt wurden von brutalen Eisenbahnern, die es sich in den Kopf gesetzt hatten, die Illinois Central Eisenbahngesellschaft durch Provozierung kostspieliger Schadenersatzklagen in den Ruin zu treiben und anschließend mit Streiks endgültig zu vernichten. Während Ignatius noch der wonnevollen Stunden gedachte, die der Baseball-Automat der Menschheit schon beschert hatte, steuerte das traurig-begehrliche Augenpaar durch die Menge auf ihn zu wie ein Zwillingstorpedo auf seinem Weg zu einem großen, schwabbelweichen Tanklastschiff. Ein kleiner, hagerer Polizist baute sich vor Ignatius auf und zupfte an dessen Papiertüte. 'Können Sie sich ausweisen, Mister?' In der Frage des Polizisten schwang unüberhörbar die Hoffnung, dass Ignatius keinen rechtsgültigen Ausweis mit sich tragen möge. 'Was?' Ignatius schaute hinunter auf das Dienstabzeichen an der blauen Mütze. 'Wer sind Sie?' 'Zeigen Sie mir Ihren Führerschein.' 'Ich fahre nicht Auto. Würden Sie bitte weggehen? Ich warte auf meine Mutter.' 'Was hängt da aus Ihrer Tüte raus?' 'Was wohl, Sie Dummkopf - eine Saite für meine Laute.' 'Wie bitte?' Der Polizist wich einen Schritt zurück. 'Sind Sie hier wohnhaft?' Da holte Ignatius tief Luft und brüllte über die Menschenmenge vor dem Kaufhaus hinweg: 'Hat das Polizeikorps von New Orleans es sich zur Aufgabe gemacht, unbescholtene Bürger wie mich zu belästigen, während die Stadt zum Sündenpfuhl verkommt? In der ganzen Welt ist New Orleans berühmt für seine Spieler, Nutten, Exhibitionisten, Anti-Christen, Alkoholiker, Sodomiten, Drogensüchtigen, Fetischisten, Onanisten, Pornographen, Betrüger, Schindmähren, Dreckfinken und Lesbierinnen - und allseits bekannt ist auch, dass Menschen dieses Schlags hier durch Schmiergelder jederzeit den Schutz der Obrigkeit genießen. Falls Sie etwas Zeit erübrigen können, will ich es gern auf mich nehmen, Ihnen den richtigen Weg zu Recht und Ordnung zu weisen, aber machen Sie nicht den Fehler, mir auf die Nerven zu gehen.' Der Polizist packte Ignatius am Arm, worauf ihm dieser mit seiner Papiertüte einen Schlag auf die Mütze versetzte. Die herunterbaumelnde Saite peitschte dem Beamten übers Ohr. 'Au!', sagte der Polizist. 'Nimm das!', schrie Ignatius im Bewusstsein, dass einige Kaufhauskunden interessiert stehen geblieben waren und einen Kreis bildeten. Im Innern von D. H. Holmes war Mrs. Reilly in der Backwarenabteilung damit beschäftigt, ihre Mutterbrust an einen Glaskasten voller Makronen zu pressen. Mit einem ihrer Finger, die wundgescheuert waren vom jahrelangen Schrubben der gigantisch-gelblichen Unterhosen ihres Sohnes, tippte sie auf das Glas, um die Aufmerksamkeit der Verkäuferin auf sich zu ziehen. 'Hallo, Miss Inez!', rief Mrs. Reilly in jenem Tonfall, den man südlich von New Jersey nur noch in New Orleans hört. 'Hierher, Schätzchen.' 'Hey, wie geht es Ihnen?', fragte Miss Inez. 'Wie fühlen Sie sich heute, meine Liebe?' 'Nicht so toll', antwortete Mrs. Reilly wahrheitsgemäß. 'Wie schade.' Miss Inez lehnte sich über den Glaskasten und vergaß ihre Kekse. 'Ich fühle mich auch nicht so toll. Die Füße.' 'Gott, wenns bei mir nur die Füße wären. Ich habe Arthuritis im Ellbogen.' 'O je!', sagte Miss Inez mit echter Anteilnahme. 'Mein armer alter Papa hat das auch. Wir setzen ihn immer in ne heiße Wanne mit kochigem Wasser.' 'Mein Bub plantscht den ganzen Tag in unserer Wanne rum. Ich komm kaum mehr in mein eigenes Badezimmer rein.' 'Ich denk, der ist verheiratet, Verehrteste.' 'Ignatius? Du liebe Zeit', sagte Mrs. Reilly traurig. 'Schätzchen, bitte geben Sie mir doch zwei Dutzend von den schicken Dingern hier.' 'Haben Sie nicht gesagt, der ist verheiratet?', meinte Miss Inez, während sie die Makronen in eine Schachtel legte. 'Ach woher, der hat noch nicht mal was in Aussicht. Die kleine Freundin, die er hatte, ist auf und davon.' 'Na gut, er hat ja noch Zeit.' 'Aber sicher', sagte Mrs. Reilly teilnahmslos. 'Hören Sie, würden Sie mir noch ein halbes Dutzend Weinkekse dazulegen? Ignatius wird böse, wenn uns die Kekse ausgehen.' 'Ihr Junge mag Kekse, wie?' 'O Gott, mein Ellbogen bringt mich um.' Vor dem Kaufhaus hatte sich in der Zwischenzeit ein beachtlicher Menschenauflauf gebildet, in dessen Epizentrum eine grüne Jagdmütze umherhüpfte wie eine Boje auf rauer See. 'Das erzähle ich dem Bürgermeister!', schrie Ignatius. 'Lassen Sie doch den Jungen in Ruhe', rief jemand aus der Menge. 'Kümmern Sie sich lieber um die Stripperinnen in der Bourbon Street', fügte ein alter Mann hinzu. 'Das ist ein guter Junge. Der wartet nur auf seine Mama.' 'Ich danke Ihnen', erwiderte Ignatius würdevoll. 'Ich hoffe, dass Sie alle als Zeugen dieser empörenden Vorgänge vor Gericht auftreten werden.' 'Sie kommen jetzt mal mit', sagte der Polizist mit schwindendem Selbstbewusstsein. Die Menschenmenge wandelte sich zum Mob, und weit und breit war keine Verstärkung in Sicht. 'Ich bringe Sie zur Wache.' 'Darf denn ein braver Junge nicht mal mehr vor dem Kaufhaus auf seine Mama warten?' Es war wieder der Alte. 'Ich sage Ihnen, das war früher in dieser Stadt nicht so. Daran sind nur die Kommunissen schuld.' 'Wer ist hier ein Kommuniss - etwa ich?', fragte der Polizist den Alten, während er den Peitschenhieben der Lautensaite auswich. 'Passen Sie auf, was Sie sagen, sonst nehme ich Sie auch gleich mit.' 'Mich können Sie nicht verhaften!', schrie der Alte. 'Ich bin Mitglied im Seniorenclub, der wird gefördert vom städtischen Amt für Erholung und Freizeit!' 'Lassen Sie den alten Mann in Ruhe, Sie dreckiger Bulle!', brüllte eine Frau. 'Das ist bestimmt der Opa von irgendwem.' 'Richtig', sagte der Alte. 'Sechs Enkel hab ich, alle bei den Nonnen. Kluge Kerlchen.' Über die Köpfe der Leute hinweg sah Ignatius seine Mutter schweren Schrittes aus dem Kaufhaus heraustreten. Sie schleppte die Schachteln mit den Backwaren, als wären es Zementsäcke. 'Mutter!', rief er. 'Du kommst keinen Augenblick zu früh. Man hat mich verhaftet.' Mrs. Reilly bahnte sich einen Weg durch die Menge. 'Ignatius! Was ist hier los? Hast du wieder was angestellt? Sie da, nehmen Sie Ihre Pfoten weg von meinem Jungen!' 'Ich rühre ihn nicht an, Madame', sagte der Polizist. 'Ist das hier Ihr Sohn?' Mrs. Reilly nahm Ignatius die sirrende Lautensaite ab. 'Natürlich bin ich ihr Kind', sagte Ignatius. 'Sehen Sie nicht, wie sehr sie mich liebt?' 'Sie liebt ihren Jungen', sagte der alte Mann. 'Was machen Sie mit meinem armen Kind?', fragte Mrs. Reilly den Polizisten, während Ignatius ihr mit seiner Pranke übers hennarote Haar strich. 'Haben Sie nichts Gescheiteres zu tun, als auf armen Kindern rumzuhacken? Bei all dem Gesindel, das in dieser Stadt rumläuft. Kinder verhaften, die vor dem Kaufhaus auf ihre Mama warten.' 'Das ist ganz klar ein Fall für die Bürgerrechtsbewegung', bemerkte Ignatius. 'Wir müssen Myrna Minkoff anrufen, meine entschwundene Geliebte. Die kennt sich in so was aus.' 'Das sind die Kommunissen', warf der alte Mann ein. 'Wie alt ist er?', fragte der Polizist Mrs. Reilly. 'Ich bin dreißig', sagte Ignatius herablassend. 'Haben Sie Arbeit?' 'Ignatius muss mir zu Hause zur Hand gehen', sagte Mrs. Reilly. Ihr anfänglicher Mut schwand dahin, und sie fing an, die Lautensaite um die Schnur ihrer Makronenschachteln zu zwirbeln. 'Wo ich doch so furchtbare Arthuritis habe.' 'Ich mache zu Hause ein bisschen sauber', erklärte Ignatius dem Polizisten. 'Darüber hinaus arbeite ich an einer längeren Anklageschrift gegen unser Jahrhundert. Und wenn mich das Hirn schmerzt von der literarischen Mühsal, bereite ich uns gelegentlich einen Käsedipp.' 'Ignatius macht köstlichen Käsedipp', sagte Mrs. Reilly. 'Das ist schön, dass der Bub seiner Mama hilft', sagte der alte Mann. 'Die meisten Jungs treiben sich nur rum.' 'Jetzt halten Sie doch mal die Klappe', sagte der Polizist zu dem Alten. 'Ignatius', fragte Mrs. Reillys mit zitternder Stimme, 'was hast du getan?' 'Wenn ich es so bedenke, Mutter, wars eigentlich der da, der mit allem angefangen hat.' Ignatius deutete mit der Papiertüte auf den alten Mann. 'Ich habe nur so dagestanden, auf dich gewartet und gebetet, dass du vom Doktor guten Bescheid bekommst.' 'Schaffen Sie den Alten hier weg', sagte Mrs. Reilly zum Polizisten. 'Der macht nur Ärger. Eine Schande ist das, dass solche Leute frei rumlaufen dürfen.' 'Die Polizei sind alles Kommunissen', sagte der Alte. 'Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen die Klappe halten?', entgegnete der Polizist wütend. 'Auf den Knien danke ich meinem Schöpfer jeden Abend dafür, dass es unsere Ordnungshüter gibt', wandte sich Mrs. Reilly an die Menge. 'Ohne die Polizei wären wir längst alle tot. Mit aufgeschlitzten Kehlen würden wir in unseren Betten liegen, von einem Ohr zum anderen aufgeschlitzt.' 'Genau so ist es, Schwester', johlte eine Frau aus der Menge. 'Lasst uns einen Rosenkranz für unseren Ordnungshüter beten!', rief Mrs. Reilly, während Ignatius ihr heftig die Schulter streichelte und ermutigend ins Ohr flüsterte. 'Sagt selbst, Leute - würden wir einen Rosenkranz für diesen Polizisten beten, wenn er ein Kommuniss wär?' 'Niemals!', rief es vielstimmig aus der Menge. Jemand versetzte dem alten Mann einen Stoß. 'Aber es stimmt doch, Madame!', schrie der Alte. 'Der Kerl hat Ihren Sohn verhaften wollen. Genau wie in Russland. Das sind alles Kommunissen.' 'Das reicht jetzt.' Der kleine Polizist fasste den Alten hart am Mantelkragen. 'O mein Gott!', stöhnte Ignatius. 'Dieser Anblick ist zu viel für meine Nerven.' 'Zu Hilfe!', richtete sich der Alte an die Menge. 'Beamtenwillkür. Angriff auf meine verfassungsrechtlich garantierten Grundrechte!' 'Der Kerl spinnt', sagte Mrs. Reilly. 'Ignatius, lass uns von hier verschwinden.' Und zur Menge gewandt: 'Lauft, Leute! Der bringt uns noch alle um. Würde mich nicht wundern, wenn er selber Kommuniss wär.' 'Dass du immer gleich übertreiben musst, Mutter', erwiderte Ignatius, während sie sich durch die sich auflösende Menge schoben und raschen Schrittes die Canal Street hinuntergingen. Er warf einen Blick zurück und sah, wie der Fliegengewichtspolizist und der alte Mann unter der Kaufhausuhr miteinander rangen. 'Und könntest du bitte etwas langsamer laufen? Ich kriege Herzbeschwerden.' 'Ach, halt die Klappe! Was glaubst du, wie ich mich fühle? Dass ich in meinem Alter noch so rennen muss?' 'Das Herz ist für Menschen jeden Alters wichtig, fürchte ich.' 'Dein Herz ist in Ordnung.' 'Nicht mehr lange, wenn wir nicht langsamer gehen.' Ignatius walzte neben seiner Mutter über den Gehsteig, dass die Tweedhose nur so um seinen Leib waberte. 'Hast du noch meine Lautensaite?' An der nächsten Straßenecke zog Mrs. Reilly ihren Sohn in die Bourbon Street und bog mit ihm ins French Quarter ein. 'Jetzt sag mir endlich, was hat der Polizist von dir gewollt?' 'Das wird auf ewig sein Geheimnis bleiben. Hingegen meine ich zu wissen, dass er schon recht bald wieder hinter uns her sein wird. Sobald er den alten Faschisten los ist.' 'Meinst du?', fragte Mrs. Reilly nervös. 'Gut möglich. Der wollte mich unbedingt verhaften, hat wohl eine Quote zu erfüllen. Dass der mich jetzt einfach so laufen lässt, bezweifle ich.' 'Mein Gott, wie schrecklich! Dann kommst du in die Zeitung, Ignatius, was für eine Schande. Du hast bestimmt was angestellt dort draußen vor dem Kaufhaus, ich kenne dich doch, Junge!' 'Wenn jemals unter dieser Sonne ein Mensch sich um seinen eigenen Kram gekümmert hat, so war ich das', sagte Ignatius. 'Bitte, lass uns haltmachen. Ich erleide gleich einen Blutsturz.' 'Also gut', sagte Mrs. Reilly, als sie das puterrote Gesicht ihres Sohnes sah. Sie wusste, dass er sonst zwecks Erfüllung seiner Prognose zu ihren Füßen zusammenbrechen würde. Er hatte so was schon mehrmals getan. Als sie ihn das letzte Mal zum sonntäglichen Kirchgang gezwungen hatte, war er auf dem Hinweg zwei Mal zusammengebrochen und ein drittes Mal während der Predigt des Pfarrers, in der es um die Todsünde der Faulheit ging. Er war von der Sitzbank auf den Mittelgang hinausgefallen und hatte die Andacht in peinlichster Weise gestört. 'Lass uns hier reingehen und verschnaufen.' Sie stieß ihn mit einer ihrer Keksschachteln durchs Eingangsportal der Night-of-Joy-Bar. Drinnen war es finster, in der Luft hing der Geruch von Bourbon und Zigarettenstummeln. Sie gingen zum Tresen und kletterten auf zwei Barhocker. Während Mrs. Reilly ihre Schachteln auf dem Tresen gruppierte, blähte Ignatius seine gewaltigen Nüstern. 'Mein Gott, Mutter, hier drin stinkts ja furchtbar. Ich bekomme gleich eine Magenkolik.' 'Willst Du vielleicht zurück auf die Straße? Dem Polizisten in die Arme laufen und ab ins Gefängnis?' Ignatius schnaufte vernehmlich und schnitt Gesichter. Aus dem Dämmerlicht tauchte der Barkeeper auf, der die beiden beobachtet hatte, und fragte spöttisch: 'Ja bitte?' 'Mir bringen Sie bitte einen Kaffee', sagte Ignatius in weltmännischer Manier. 'Chicorée-Kaffee mit heißer Milch.' 'Wir haben nur Pulverkaffee', erwiderte der Barkeeper. 'Solchen Dreck trinke ich nicht', sagte Ignatius zu seiner Mutter. 'Dann nimm halt ein Bier, Ignatius. Das wird dich schon nicht umbringen.' 'Aber blähen.' 'Ich nehm ein Dixie 45', sagte Mrs. Reilly zum Barkeeper. 'Und der Gentleman?', fragte der Barkeeper in tragendem, gespieltem Bariton. 'Wonach steht ihm der Sinn?' 'Geben Sie ihm auch ein Dixie.' 'Das werde ich mit Sicherheit nicht trinken', sagte Ignatius, während der Barkeeper verschwand, um die Biere zu holen. 'Wir können hier aber nicht umsonst rumsitzen, Ignatius.' 'Wieso nicht? Wir sind die einzigen Gäste. Die sollen froh sein, dass wir überhaupt hier sind.' Mrs. Reilly versetzte ihrem Sohn mit dem Ellbogen einen Rippenstoß. 'Was meinst du, obs hier drin abends Stripperinnen gibt?' 'Aber sicher', antwortete Ignatius kühl und mit schmerzverzerrtem Gesicht. 'Wir hätten woanders hingehen sollen. Demnächst gibts hier eine Razzia, das habe ich im Gefühl.' Er schniefte und räusperte sich weithin hörbar. 'Gottseidank filtert mein Schnurrbart einen Teil des Gestanks heraus. Meine Olfaktorien senden schon Stresssignale aus.' Nach einer ganzen Weile, in der man Klirren von Glas und das Auf- und Zuschieben von Kühlschubladen hören konnte, tauchte der Barkeeper wieder auf und stellte zwei Bier auf den Tresen. Dabei deutete er an, dass er Ignatius das Glas am liebsten in den Schoß schütten würde. Mutter und Sohn Reilly kamen in den Genuss des schlechtesten Service, den das Night of Joy zu bieten hatte, jener Art Bedienung also, die herzlich unerwünschten Gästen vorbehalten ist. 'Sie hätten nicht zufällig ein eiskaltes Dr. Nut im Angebot?', fragte Ignatius. 'Nein.' 'Mein Sohn liebt Dr. Nut', führte Mrs. Reilly aus. 'Kistenweise muss ich das Zeug einkaufen. Manchmal setzt er sich hin und trinkt zwei, drei Dr. Nut hintereinander.' 'Mutter, ich glaube nicht, dass das den Mann sonderlich interessiert', sagte Ignatius. 'Willst du nicht deine Mütze abnehmen?', fragte der Barkeeper. 'Nein, das will ich nicht!', donnerte Ignatius. 'Es ist verdammt kühl hier drin.' 'Wie du willst', sagte der Barkeeper und verschwand ans andere Ende der Bar. 'Unverschämtheit!' 'Beruhige dich', sagte Mrs. Reilly. Ignatius klappte die linke, seiner Mutter zugewandte Ohrenklappe hoch. 'So, jetzt musst du mich nicht mehr anbrüllen. Was hat der Doktor gesagt wegen deines Ellbogens oder was auch immer?' 'Ich muss ihn massieren lassen.' 'Ich will doch stark hoffen, dass du dabei nicht auf meine Mithilfe zählst. Du weißt, wie unangenehm mir körperliche Berührung ist.' 'Und schön warmhalten soll ich den Ellbogen.' 'Wenn ich den Führerschein hätte, könnte ich dir vielleicht helfen. Ich könnte dich irgendwo hinfahren oder so.' 'Zerbrich du dir darüber nicht den Kopf, Liebling.' 'Autofahren ist nun mal nichts für mich, es bringt meinen Organismus durch...